Als Broadcom Ende 2023 die Übernahme von VMware abschloss, wirkte das zunächst wie eine weitere Konsolidierung im globalen IT-Markt. Die eigentliche Tragweite zeigte sich erst wenige Wochen später: Lizenzmodelle wurden umgestellt, dauerhafte Lizenzen durch Abonnements ersetzt und Produktportfolios neu zugeschnitten. Für viele Kunden hatte das drastische Kostensteigerungen zur Folge. Der Branchenverband CISPE berichtete von Preissteigerungen zwischen 800 und 1.500 Prozent.
Die eigentliche Erkenntnis lag jedoch nicht in den steigenden Kosten. Sie lag darin, dass viele Organisationen – auch in der öffentlichen Verwaltung – kurzfristig kaum reagieren konnten. Realistische Alternativen fehlten. Die Abhängigkeit war nicht neu, sie wurde lediglich sichtbar.
Der Fall Broadcom/VMware steht deshalb stellvertretend für eine grundsätzliche Frage: Wie handlungsfähig bleiben Kommunen, wenn zentrale digitale Infrastrukturen von wenigen Technologieanbietern abhängen?
Von der Hypthese zur Realität
Diese Frage begleitet die öffentliche Verwaltung seit Jahren. Doch im Jahr 2026 hat sie eine neue Qualität erreicht. Mehrere Entwicklungen haben aus abstrakten Risiken konkrete Erfahrungen gemacht.
Internationale Aufmerksamkeit erregte im Februar 2025 die US-amerikanische Executive Order 14203. Im Zuge der Sanktionen gegen den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs wurde dessen Microsoft-E-Mail-Konto gesperrt. Wenige Monate später erklärte Microsoft Frankreich vor dem französischen Senat, nicht garantieren zu können, dass Daten europäischer Kunden unter allen Umständen vor dem Zugriff US-amerikanischer Behörden geschützt sind. Rechtliche Regelungen wie der CLOUD Act verdeutlichen zusätzlich, dass solche Zugriffe grundsätzlich möglich sind – unabhängig davon, wo Daten physisch gespeichert werden. Was lange als theoretisches Szenario galt, ist heute dokumentierte Praxis.
Für Kommunen wiegt diese Entwicklung besonders schwer. Digitale Infrastrukturen bilden das Rückgrat der öffentlichen Daseinsvorsorge – von Meldeangelegenheiten über Sozialleistungen bis hin zu Bildung, Mobilität und Krisenmanagement. Wer diese Leistungen dauerhaft und verlässlich erbringen muss, kann sich kritische digitale Abhängigkeiten nicht leisten.
Souveränität heißt, handlungsfähig bleiben
Der Begriff der Digitalen Souveränität wird häufig verwendet, aber nicht immer einheitlich verstanden. Orientierung bietet die Strategie des IT-Planungsrats, die drei zentrale Voraussetzungen benennt:
- Wechselmöglichkeit: IT-Lösungen und Anbieter müssen tatsächlich gewechselt werden können.
- Gestaltungsfähigkeit: Kommunen müssen ihre digitale Infrastruktur aktiv mitgestalten und weiterentwickeln können.
- Einfluss auf Anbieter: Anforderungen müssen gegenüber Technologieanbietern wirksam formuliert und durchgesetzt werden können.
Für den KDN beschreiben diese drei Kriterien den Kern Digitaler Souveränität. Technologische Abhängigkeiten lassen sich in einer komplexen IT-Welt nicht vollständig vermeiden. Entscheidend ist deshalb nicht ihre Existenz, sondern ihr Ausmaß. Kommunen benötigen ausreichendes Know-how, um Anforderungen zu formulieren, Risiken zu bewerten, Sicherheitsfragen einzuordnen und Anbieter qualifiziert zu steuern. Auch dort, wo kommunale IT-Dienstleister den Betrieb übernehmen, bleibt diese Kompetenz auf kommunaler Ebene unverzichtbar.
Ebenso wichtig sind echte Wahlmöglichkeiten. Wo Alternativen fehlen und Wechsel kaum möglich sind, verschiebt sich das Machtverhältnis zugunsten einzelner Anbieter. Wo hingegen Wahlmöglichkeiten bestehen, bleiben Abhängigkeiten beherrschbar. Oder kurz gesagt: Souverän ist, wer auch anders handeln könnte.
Menschen, Standards und offene Technologien
Offene Standards, interoperable Schnittstellen und Datenportabilität schaffen die Voraussetzung dafür, Anwendungen wechseln zu können, ohne Daten, Prozesse oder organisatorische Handlungsfähigkeit zu verlieren. Eine wichtige Grundlage dafür bildet Open-Source-Software. Sie kann genutzt, eingesehen, weiterentwickelt und von unterschiedlichen Dienstleistern betrieben werden. Dadurch entstehen Freiräume und Wettbewerb, die digitale Souveränität fördern. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Lizenzform. Auch proprietäre Lösungen können einen Beitrag leisten. Darüber hinaus ist der Staat gefordert – etwa indem er offene, interoperable Lösungen bevorzugt oder selbst Alternativen schafft.
Wie sich diese Grundsätze in der Praxis umsetzen lassen, zeigt der souveräne Arbeitsplatz. Mit openDesk hat das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) einen wichtigen Impuls gesetzt. Die Office- und Collaboration-Suite bündelt etablierte Open-Source-Komponenten unter einer gemeinsamen Oberfläche. Inzwischen entstehen weitere Lösungen nach demselben Prinzip. Die eigentliche Herausforderung liegt dabei jedoch nicht in der Technologie. Anforderungen müssen abgestimmt, Komponenten integriert, Betriebs- und Supportmodelle entwickelt und vor allem Kompetenzen aufgebaut werden.
Auch der KDN sammelt hier eigene Erfahrungen. Seit Ende 2025 setzt die Geschäftsstelle openDesk ein. Das Fazit nach den ersten Monaten: Der souveräne Arbeitsplatz ist kein fertiges Produkt, sondern ein gemeinsamer Lern- und Entwicklungsprozess. Aufwendiger als der Umstieg auf das nächste proprietäre Paket, aber genau deshalb ein echter Gewinn an Eigenständigkeit.
Gemeinsamkeit ermöglicht Eigenständigkeit
Digitale Souveränität ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Einzelne Verwaltungen verfügen nur begrenzt über die personellen und finanziellen Ressourcen, um technologische Alternativen eigenständig zu entwickeln oder zu bewerten. Gleichzeitig stehen sie vor sehr ähnlichen Herausforderungen. Was eine Kommune erarbeitet, kann vielen anderen unmittelbar zugutekommen. Vor diesem Hintergrund hat der KDN einen Arbeitskreis Digitale Souveränität ins Leben gerufen. Nach dem erfolgreichen Auftakt werden nun gemeinsame Schwerpunkte definiert und konkrete Projekte vorbereitet.
Denn Digitale Souveränität entsteht nicht durch Abschottung. Sie entsteht dort, wo Wissen geteilt, Alternativen geschaffen und Interessen gemeinsam vertreten werden. Oder kürzer: Gemeinsamkeit ermöglicht Eigenständigkeit.







